Ohne Vitamin C ist die Kollagensynthese massiv gestört. Das führt langfristig zu Skorbut. Nur logisch also, dass manche Zahnmediziner:innen auf die Idee kommen, perioperativ Vitamin-C-Infusionen in ihrer Zahnarztpraxis zu geben. Aber wie funktioniert das genau, welche Kontraindikationen gibt es und gibt es Rückenwind auf der Wissenschaft für diese Praktik? Und wie steht Vitamin C in der Zahnmedizin überhaupt da?

Inhaltsverzeichnis
ToggleWelche Rolle spielt Vitamin C im Körper?
Vitamin C verbinden viele mit dem Immunsystem, Zitrusfrüchte bei Erkältungen und so. Ist auch in Teilen was dran, aber Vitamin C kann noch deutlich mehr. Im Immunsystem übernimmt Vitamin C verschiedene Aufgaben, die noch nicht abschließend in voller Tiefe erforscht sind.
Für die Zahnmedizin am spannendsten sind die Funktionen von Vitamin C als Antioxidans und als essentieller Faktor in der Kollagensynthese und damit in der Wundheilung.
Vitamin C als Antioxidans
Eine der wichtigsten Aufgaben von Vitamin C ist die Regeneration von Vitamin E. Denn Vitamin E sitzt recht fest in unseren Zellmembranen und schützt diese vor freien Radikalen. Das ist keine politische Gruppe, sondern das sind Moleküle, welche hoch reaktiv sind und in unserem Körper Schaden anrichten, wenn es zu viele von ihnen in uns gibt. Was leider häufig bei unserem heutigen Lebensstil der Fall ist. Liegen viele dieser kleinen Schäden vor, nennt man das oxidativen Stress und stille Entzündungen. Der Schutz vor diesen Molekülen ist für unseren Körper so wichtig, dass die Antioxidantien sogar schon mit der Muttermilch ans Baby gegeben werden!
Vitamin E soll unsere Zellen vor oxidativem Stress schützen und muss nach dem Kontakt mit den freien Radikalen regeneriert werden, was das Vitamin C übernimmt. Da Vitamin C wasserlöslich und damit leicht in unserem Blutsystem unterwegs sein kann, ist es dafür hervorragend geeignet. Darüber hinaus fängt Vitamin C auch selbst direkt freie Radikale ab.
Vitamin C in der Kollagensynthese.

Kollagene sind die am häufigsten vorkommenden Proteine im menschlichen Körper. Wir können sie selber aus Aminosäuren herstellen und brauchen dafür, oh Wunder in einem Vitamin-C-Blogbeitrag: Eisen. Ha, ausgetrickst! Aber das Vitamin C kommt gleich noch.
Die Aminosäuren müssen für den Zusammenbau bearbeitet werden, dass passiert durch eisenhaltige Enzyme. Mit zu wenig Eisen funktioniert das schlecht. Mit zu wenig Vitamin C funktioniert es aber genauso schlecht. Du möchtest im Anschluss mehr über Eisen erfahren? Dann öffne schonmal diesen Blogartikel: Eisenmangel in der Zahnmedizin: Auswirkungen auf Parodontitis und Wundheilung
Auch bei der Kollagensynthese kommt die Regenerationsfähigkeit von Vitamin C zu Tragen. Vitamin C ist für die Regeneration der eisenhaltigen Enzyme nach der Bearbeitung (dem Hydroxlierungsvorgang) zuständig. Bei fehlender Hydroxylierung werden nur schadhafte Kollagenmoleküle gebildet, die ihrer Funktion als Strukturprotein nicht nachkommen können. Nahezu alle Symptome der Vitamin-C-Mangelerkrankung Skorbut sind auf die fehlerhafte Biosynthese des Kollagens zurückzuführen. 1, 2
Die Aufgaben von Kollagen sind vielfältig. Kollagene sind eine wichtige Komponente in allen Phasen der Wundheilung, aber spielen auch darüber hinaus in anderen Bereich für die Zahnmedizin eine wichtige Rolle. 3
Welche Rolle spielt Vitamin C in der Zahnmedizin?
Vitamin-C-Infusionen kommen in der Zahnmedizin natürlich nur zum Einsatz, wenn man sich von ihnen einen Nutzen verspricht. In der Parodontologie und Oralchirurgie ist der biologische Hintergrund recht ähnlich, auch wenn die Einsatzgebiete sehr verschieden sind.
Kollagen. Klar, dass wir darauf nochmal zurückkommen, oder? Kollagene sind nicht nur allgemein wichtige Proteine für den menschlichen Organismus. Sondern noch viel spezifischer ein Großteil des Proteingerüsts in unserer Knochenstruktur. Ohne dieses Gerüst hat das Hydroxylapatit, platt gesagt, keinen Halt. Ohne Regalboden kann man nichts ins Regal stellen. Und Kollagene sind der Regalboden.

Aber auch für die Instandhaltung der Zähne brauchen wir Kollagen. Für die Einarbeitung und Integrierung der Blutgefäße an den Zahn im Zahnfleisch brauchen wir Kollagen. Und für die Wurzelhaut brauchen wir auch Kollagen. 4
Kollagen an jeder Ecke! Was übrigens nicht heißt, dass wir dieses als Supplement einnehmen müssen. Wie gesagt, wir können es selber herstellen. Dafür brauchen wir die Aminosäuren, Kupfer, Eisen und Vitamin C.
Die Kollagensynthese ist für mich schon der Star der Vitamin-C-Funktionen für die Zahnmedizin. Dennoch ist auch seine Funktion als Antioxidans nicht zu verachten.
Wie oben erklärt, regeneriert Vitamin C das in der Zellmembran enthaltene Vitamin E, welches unsere Zellen vor oxidativen Stress schützt. Auch Vitamin C selbst kann die freien Radikale abfangen, bevor sie zu Zell- und Gewebeschäden führen. Für die Zahnmedizin ist das relevant, da oxidativer Stress das Immunsystem fordert. Kann sich dieser gar nicht erst groß ausbreiten, haben wir mehr Kapazitäten für die zahnmedizinischen Belange.
Vitamin C bei Parodontitis – was sagt die Studienlage?
In unterschiedlichen Studien wurde herausgefunden, dass Patient:innen mit einer Parodontitis geringere Vitamin-C-Spiegel im Blut aufweisen und weniger Vitamin C aufnahmen als die Kontrollprobanden. 5 Das ist eine spannende Beobachtung, denn: Sorgt die Parodontitis nun dafür, dass viel Vitamin C verbraucht wird? Oder entsteht die Parodontitis leichter und liegt stärker ausgeprägt vor, weil von vornherein zu wenig Vitamin C da war?
Eine weitere spannende Beobachtung fand in einer Studie mit Kaugummi statt. Für 3 Monate haben die Testprobanden fünf Mal am Tag einen zuckerfreien und mit Vitamin C versetzen Kaugummi gekaut. Es gab eine Kontrollgruppe, die kein Kaugummi bekam und eine, die ebenfalls Kaugummi kaute, aber nur eins, was lediglich zuckerfrei war, aber kein Vitamin C enthielt. In der anschließenden Analyse zeigte sich, dass die Vitamin-C-Kauenden niedrigere Blutungswerte aufwiesen, als die, die kein Kaugummi gekaut haben. Bei denen, die nur zuckerfreie Kaugummi hatten, haben sich die Blutungswerte nicht verändert. 6
Bekannt ist außerdem, dass ein Vitamin-C-Mangel zu einem größeren Attachmentverlust bei Parodontitispatient:innen führt im Vergleich zu Parodontitis-Patient:innen ohne Vitamin-C-Mangel. 5
Der erste Eindruck zeigt also, dass Vitamin C bei Parodontitispatient:innen irgendwas bewirkt. Ob das nun am Kollagen liegt oder an der antioxidativen Fähigkeit, bleibt noch offen. Es könnte auch an dem Effekt von Vitamin C auf Histamin liegen. Denn während des Entzündungsprozesses ist Histamin verantwortlich für die Regulierung des Blutflusses, welches in Rötung und Schwellung resultiert. Vitamin C hat antihistamine Eigenschaften, wodurch ein positiver Effekt auf die parodontale Gesundheit entstehen kann. 5
Ganz unabhängig von der Mundhygiene führt zu wenig Vitamin C übrigens zu Zahnfleischbluten. 5 Ist das nicht spannend?
Dies ist nur ein kurzer Einblick in die Studienlage zu Vitamin C und Parodontitis.
Vitamin C nach Implantation und in der Oralchirurgie
Zu Vitamin C in der Oralchirurgie gibt es bisher wenig Studien.
Die geläufigste ist eine Studie aus 2018. In dieser erhielten Patienten für 14 Tage lang 300 mg Vitamin C pro Tag. Es handelt sich um vier verschiedene Patientengruppen: Implantation + GBR, Implantation + Kollagentransplantate, Implantation + Parodontitis, Implantation ohne Besonderheiten. Bei den ersten drei Gruppen zeigte sich eine signifikant verbesserte Wundheilung bei zusätzlicher Vitamin-C-Supplementierung, vor allem in Bezug auf das Weichgewebe. Die Vitamin-C-Supplementierung von 300 mg/Tag verbesserte demnach die postoperative Wundheilung nach Zahnimplantaten. 7
In einem Review aus 2022 wurden 4 zahnmedizinische Studienanalysiert, in denen mit Vitamin C gearbeitet wurde. Sie schlussfolgern, dass die Studien zwar klein waren, jedoch nahelegen würden, dass es empfehlenswert sei die Nährstoffaufnahme der Patienten präoperativ zu überprüfen und bei unzureichender Vitamin-C-Aufnahme über Lebensmittel eine Vitamin-C-Supplementierung empfohlen werden könnte. 8 Ich würde als Ökotrophologin ja immer erstmal die Lebensmittelauswahl überprüfen. Wie das geht und alltagstauglich umgesetzt werden kann, erarbeite ich individuell mit Zahnarztpraxen in meiner Praxisschulung.
Die Studienlage ist meiner Meinung nach noch zurückhaltend und liefert keine umfangreiche wissenschaftliche Evidenz. Eher erste Hinweise.
Vitamin-C-Infusionen im Einsatz
Es ist relativ einfach dem Patienten eine Vitamin-C-Infusion zu geben, wenn er eh bei einem auf dem Stuhl sitzt. Die läuft nebenbei mit und man kann trotzdem weiterarbeiten. Ziemlich ideales Chairside-Angebot. Aber wie läuft das (haha) konkret in den Praxen, die Vitamin-C-Infusionen anbieten?
Vorab wird entschieden, bei welchen Diagnosen eine Vitamin-C-Infusion als sinnvoll erachtet wird und wem man demnach diese Leistung anbietet. Dies ist eine medizinische Therapieentscheidung, die demnach nur ärztlich getroffen und nicht delegiert werden kann. Natürlich muss die Anamnese und gewisse Kontraindikationen für eine Vitamin-C-Infusion berücksichtigt werden.
Allgemein wird anschließend meist mit Vitamin-C-Infusionen zwischen 5 – 25 g gearbeitet. Zum Vergleich: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt pro Tag 95 – 110 mg Vitamin C über Lebensmittel für gesunde Personen. Ganz schöner Unterschied, auch deswegen sind Infusionen nicht „mal eben“ mit ins Portfolio aufgenommen und ein Blogbeitrag wie dieser gibt dir erste Einblicke, aber keine konkrete Anleitung.
Je nach Blutwerten und Diagnose wird die Vitamin-C-Infusion nicht einmalig angeboten, sondern wiederholt sich im Anschluss.

Vitamin-C-Infusionen in der Zahnmedizin: Was sagt die Wissenschaft?
Die Studienlage zu Vitamin-C-Infusionen in der Zahnmedizin ist … irgendwie nicht zufrieden stellend. Es gibt eine Studie mit intravenös verabreichtem Vitamin C bei Parodontitis, aber diese ist aus 1965. 9 Was sie nicht per se schlecht macht, aber schlechter übertragbar auf die heutige Zeit. Wir leben anders, wir ernähren uns anders, wir gehen anderen Jobs nach, es gibt neue Messmethoden, neue Laborstandards, neue Behandlungsmethoden in der Zahnmedizin etc.
Und dann gibt es eine Studie aus 2019. Hier wurde an 101 Probanden untersucht, wie sich eine Vitamin-C-Infusion von 2 g Vitamin C auf die Schwellung, das Schmerzempfinden und die Heilungsrate nach Weisheitszahnentfernung auswirkt. Die Kontrollgruppe bekam allerdings nicht nur eine Kochsalzlösung als Placebo, sondern Aceclofenac (ein nichtsteroidales Antirheumatikum (NSAR), welches entzündungshemmende, schmerzstillende und fiebersenkende Effekte hat). Die Ergebnisse der Studie sind nett, aber keine Sensation. Ja, die Schmerzintensität wurde von den Patienten bis zum dritten Tag in der Vitamin-C-Infusion-Gruppe als etwas besser bewertet, der Unterschied war aber nicht statistisch signifikant. Genauso wenig wie die Schwellung und Mundöffnungsrate. 10
So viel mehr gibt es nicht zu Vitamin-C-Infusionen in der Zahnmedizin. Die Wissenschaft spiegelt in diesem Fall nicht wider, was in Praxen praktiziert wird. Denn davon gibt es deutlich mehr, die regelmäßig mit Vitamin-C-Infusionen arbeiten, als Studien.
Vitamin-C-Infusion: Kontraindikationen und Risiken
Eine zu hohe Vitamin-C-Menge, die wieder ausgeschieden muss, weil der Körper sie nicht braucht, kann die Nieren übermäßig belasten. Ja, Vitamin C ist wasserlöslich und kann sich dadurch nicht so stark anreichern, wie fettlösliche Vitamine. Aber Vitamin C wird unter anderem zu Oxalat umgebaut, welches über die Nieren ausgeschieden wird. Bei sehen hohen Vitamin-C-Dosen kann dadurch die Oxalatausscheidung und die Oxalatbelastung der Niere steigen. Eine Kontraindikation für deine Vitamin-C-Infusion ist demnach? Richtig, eine sowieso schon eingeschränkte Nierenfunktion und generell eine Veranlagung für Nierensteine. Das gilt auch bei einer oralen Supplementeinnahme.
Eine weitere Kontraindikation für eine Vitamin-C-Infusion ist die Eisenspeicherkrankheiten (Hämochromatose). Kinder unter 12 Jahren klammert man von der intravenösen Vitamin-C-Gabe aus und Schwangere und Stillende ebenfalls.
Zudem Menschen mit einer Azidose, Patienten die Antikoagulantien wie z.B. Marcumar einnehmen und besondere Vorsicht bei Menschen mit einem G6PD-Mangel bitte.
Warum ein G6PD-Mangel vor einer Hochdosisinfusion relevant ist
G6PD ist der Name für ein Enzym, welches Bestandteil des Pentosephosphatweges ist, also der Umwandlung von Kohlenhydraten zu NADPH. Dieses Enzym schützt die roten Blutkörperchen vor oxidativem Stress. Ab 0,5 -1 g intravenösem Vitamin C kann erstmal oxidativen Stress auslösen, was bei einem G6PD-Mangel dazu führt, dass die roten Blutkörperchen vorzeitig zerfallen.
Ein Mangel an G6PD ist genetisch bedingt und kann und sollte vor einer Vitamin-C-Infusion getestet werden. In Deutschland haben wir vermutlich ein Auftreten von unter einem Prozent. Besondere Achtung ist geboten bei Menschen, insbesondere Männer, vom afrikanischen Kontinent, aus dem Mittelmeerraum, des Nahen Ostens und Asien.
Ein G6PD-Mangel verläuft meist asymptomatisch. Die Betroffen wissen nicht unbedingt, dass sie ein Defizit haben. Deswegen sollte der Mangel vorab getestet werden. Andernfalls können unter einer Vitamin-C-Infusion Symptome wie Schüttelfrost, Fieber, Rücken- und Bauchschmerzen, Schwäche bis hin zu Hämoglobinurie und Nierenversagen auftreten. Je nach Ausprägung kann es zu einem subklinischen Verlauf bis zum lebensbedrohlichen Notfall werden.
Das will man nicht riskieren.
Lieber vorher testen, auch wenn dieser oft negativ ausfallen wird. Das eine Mal, wo du ein Treffer landest, ist es auf jeden Fall wert.

Abschluss
Vitamin C kann was, da sind wir uns einig, oder? Die Aufgaben in der Kollagensynthese sind nicht zu verachten und was das alles für Auswirkungen auf die Zahnmedizin hat, ist toll. Ob es genügend Anlässe gibt, Vitamin-C-Infusionen für deine Patienten anzubieten, kannst nur du entscheiden. Tausche dich hier gerne mit Kolleg:innen aus, die das bereits tun, denn wie gesagt: Die Erfahrung spricht hier andere Bände, als die Wissenschaft.
Ich freue mich, wenn ich dir mit diesem Blogartikel (der viiiel zu lang geworden ist, wow) einen Einblick in die Vitamin-C-Welt geben konnte! Wenn du regelmäßig Einblicke in die Ernährungszahnmedizin haben möchtest, dann melde dich gerne für meinen Newsletter an. Der verbindet Ökotrophologie mit Zahnmedizin, kommt alle 2 Wochen dienstags und kostet dich keinen Euro, nur deine eMail-Adresse. Hier kannst du dich eintragen.