Überall‘ liest man es, aber bringt es wirklich was: Vitamin D bei Parodontitis. Wenn das Thema überall behandelt wird, wird man ja schon eher wieder misstrauisch, dass es irgendein Hype ist, der schon wieder verschwinden wird, oder? Deswegen schauen wir in diesem Beitrag mal ganz konkret auf Beispiele aus Studien, wo Vitamin D bei Parodontitis Erkrankungen was gebracht – oder auch nicht.

Inhaltsverzeichnis
ToggleZellbiologische Effekte von Vitamin D bei Parodontitis im Labor
Forscher zeigten, dass die Zellen im Mundraum (parodontale Ligamentzellen) das Vitamin D-Aktivierungsenzym (1α-Hydroxylase) ausschütten und damit lokal Vitamin D bei einer Parodontitis aktivieren können. Das alleine hat mich schon beeindruckt, denn wenn diese Zellen diese Fähigkeit haben, muss sie auch zu etwas nutze sein. Andernfalls wäre dieser Weg in der Evolution ausgestorben. So was es zum Beispiel mit dem letzten Enzym, was uns befähigt hat Vitamin C selbst herzustellen. Und das auch noch aus Zucker (Glucose)! Aber weil unsere Vorfahren soo viel Vitamin C gegessen haben, hat unser Körper gemerkt: Ich brauche den Weg nicht mehr, ich brauche die Enzyme nicht mehr, um selber Vitamin C herstellen zu können. Also warum sollte ich sie noch produzieren. Deswegen: Wenn die Zellen der Wurzelhaut selber Vitamin D aktivieren können – das müssen sie das auch.
In den in vitro-Experimenten wurde aber noch mehr herausgefunden:
Zum Beispiel, dass Vitamin D bei einer Parodontitis das Wachstum von Porphyromonas gingivalis (starke Verbindung zur chronischen PAR) hemmen kann.
Grenier D, Morin M-P, Fournier-Larente J, Chen H. Vitamin D inhibits the growth of and virulence factor gene expression by Porphyromonas gingi-valis and blocks activation of the nuclear factor kappa B transcription fac-tor in monocytes. J Periodont Res, 2016, 51, 359–365.
Oder, dass die Stimulierung der parodontalen Ligamentzellen mit Vitamin D bei einer Parodontitis innerhalb von 24 h zu einer um 70 % und 40 % erhöhten Ausschüttung der knochenaufbauenden Proteine Osteopontin und Osteocalzin führt.
Nebel D, Svensson D, Arosenius K, Larsson E, Jönsson D, Nilsson B-O. 1a,25-dihydroxyvitamin D3 promotes osteogenic activity and downregu-lates proinflammatory cytokine expression in human periodontal liga-ment cells. J Periodontal Res, 2015, 50, 666–673.
Oder auch, dass Vitamin D in seiner aktiven Form bei einer Parodontitis in Zellen, die mit P. gingivalis infiziert sind, den Prozess der Zerstörung von fehlerhaften Zellbestandteilen (Autophagie) einleitet. Eigentlich gibt es für diesen Prozess eigene Zellen (Monozyten), welche die Aufgabe haben Fremdstoffe aufzunehmen und zu zerstören, aber Vitamin D hilft mit.
Hu X, Niu L, Ma C, Huang Y, Yang X, Shi Y, Pan C, Liu J, Wang H, Li Q, Geng F, Tang X. Calcitriol decreases live porphyromonas gingivalis inter-nalized into epithelial cells and monocytes by promoting autophagy. J Pe-riodontol, 2020, 956-966.

Kurz zusammengefasst heißt das: Im Zellmodell hat Vitamin D das Wachstum von PAR-fördernden Bakterien gehemmt, entzündungsfördernde Substanzen blockiert, die körpereigenen antimikrobiellen Eigenschaften erhöht, verhindert, dass der körpereigene Abwehr-mechanismus inaktiviert wird, die Gewebezerstörung vorangetrieben wird und die Bakterien ihre Nährstoffe bekommen und dafür gesorgt, dass Zellen, in denen sich PAR-fördernde Bakterien eingenistet haben, stärker gegen diese arbeiten können. Es klingt zu schön, um wahr zu sein, oder? Deswegen arbeite ich auf Basis der Wissenschaft, denn was soll man gegen gut aufgestellte Studien schon gegenhalten? Nichtsdestotrotz sind es Experimente in der Glasschale, das geht auch größer und echter. Zum Beispiel in Kohortenstudien.
Kohortenstudien: Zusammenhang zwischen Vitamin D-Spiegel und Parodontitis
Es gibt eine Kohortenstudie, die von nahezu jeder Arbeit zitiert wird, wenn es um Vitamin D bei Parodontitis geht – die US-amerikanische NHANES-Studie mit 11.202 Probanden.
In dieser Studie hatten Probanden mit höheren Vitamin D-Werten (> 34,2 ng/ml) weniger Attachmentverlust als Probanden mit niedrigen Vitamin D- Werten (< 16,1 ng/ml) ab einem Alter von 50 Jahren – ein deutlicher Hinweis auf den potenziellen Nutzen von Vitamin D bei Parodontitis.
- Ü50 Männer in dem niedrigsten Vitamin D-Bereich hatten durchschnittlich 0,39 mm mehr Attachmentverlust als die Ü50 Männer in dem höchsten Vitamin D-Bereich. Das entspricht einem höheren Verlust von 27 %.
- Ü50 Frauen in dem niedrigsten Vitamin D-Bereich hatten durchschnittlich 0,26 mm mehr Attachmentverlust als die Ü50 Frauen in dem höchsten Vitamin D-Bereich. Das entspricht einem höheren Verlust von 23 %.
Der große Pluspunkt dieser Analyse ist die Probandenzahl. Die Forscher selber betiteln als den größten Negativpunkt der Analyse das Querschnittsdesign. Dabei ist der Attachmentverlust ein kumulatives Maß der Parodontitiserkrankung, es spiegelt die lebenslange Entwicklung der Erkrankung wider. Zudem betonen die Autoren, dass ein einmalig gemessener Vitamin D-Wert nicht den durchschnittlichen Wert über die Lebenszeit oder auch nur das vergangene Jahr widerspiegelt. Sie betonen, dass die wahre Assoziation zwischen den Vitamin D-Werten und einer Parodontitis stärker sein könnte als die hier herausgefundene.
Dietrich T, Joshipura K J, Dawson-Hughes B, Bischoff-Ferrari H A. Associ-ation between serum concentrations of 25-hydroxyvitamin D3 and perio-dontal disease in the US population. Am J Clin Nutr, 2004, 80, 108-113.

Primärstudien zu Vitamin D bei Parodontitis: Zielgruppen und Erkenntnisse
Und da gibt es da auch noch die Primärstudien, die man sich bei einer wissenschaftlichen Arbeitsweise gerne anschaut. Hier ist es besonders wichtig darauf zu achten, auf welche Referenzwerte sich die Autoren beziehen. So hat eine Studie zwar einen Trend der Verbesserung von vertikaler Knochenmasse in Parodontitispatienten bei einer Vitamin D- und Calciumsupplementierung zeigen können, die Werte waren aber nur wenig signifikant. Könnte daran gelegen haben, dass 10 IE Vitamin D supplementiert wurden (kein Tippfehler).
Bundit A, Yotnuengnit P, Wisetsin S, Chittacharoen A. A randomized con-trolled trial and radiographic evaluation of adjunctive periodontal treat-ment with calcium and vitamin D supplementation. Int J Experiment Dent Sci, 2016, 5, 1, 50-55.
Bei Vitamin D und Parodontitis wird in Primärstudien gerne auf bestimmte Patientengruppen geschaut.
So weiß man, dass Patienten mit einer Parodontitis und einer koronaren Herzerkrankung niedrigere Vitamin D-Serumspiegel als Patienten, die ausschließlich eine koronare Herzerkrankung hatten oder die Kontrollgruppe.
Isloa G, Alibrandi A, Rapisarda E, Matarese G, Williams R C, Leonardi R. Association of vitamin D in patients with periodontitis: A cross-sectional study. J Periodont Res, 2020, 1-11.
Probanden mit einer Gingivitis oder Parodontitis und zusätzlich einem Typ 2 Diabetes hatten ebenfalls niedrigere Vitamin D- und Calciumwerte als die Kontrollgruppe.
Agrawal A A, Kolte A P, Kolte R A, Chari S, Gupta M, Pakhmode R. Eva-luation and comparison of serum vitamin D and calcium levels in perio-dontally healthy, chronic gingivitis and chronic periodontitis in patients with and without diabetes mellitus – a cross-sectional study. Acta Odon-tologica Scandinavica, 2019, 1-8.
Auch bei Schwangeren wurde in Primärstudien herausgefunden, dass Frauen mit einer moderaten bis schweren Parodontitis niedrigere Serumkonzentrationen von Vitamin D aufwiesen, als parodontal gesunde Schwangere.
Und so kann man das Spiel noch länger weiterspielen. Eine umfangreiche Darstellung des Status quo findest du zu Vitamin D und Parodontitis aber auch zu Vitamin D in der Implantologie in meinem Buch.
Aber auch hier zeigt sich: Vitamin D bei Parodontitis könnte ein relevanter Marker und therapeutischer Hebel sein – min. bei bestimmten Patientengruppen.
Wann bringt Vitamin D bei Parodontitis was? Und wann nicht?
So wie bei allen Mikronährstoffen wirst du den größtmöglichen Effekt in deiner zahnmedizinischen Behandlung vermerken, wenn der Patient ursprünglich mit schlechten Werten zu dir kommt. Das ist auch bei Vitamin D bei Parodontitis der Fall. Du kannst es dir vorstellen wie beim Tanken: Ist der Tank nahezu leer, wirst du unruhig, checkst die Tankanzeige häufiger und bist wieder entspannter, wenn du ihn wieder aufgefüllt hast. Ist dein Tank noch halbvoll und du tankst ihn voll, ist dein Entspannungsfaktor schon nicht mehr soo groß.

Das heißt konkret: Wenn sich dein Patient mit einer Parodontitis in einem starken Vitamin D-Mangel (Wert < 12 ng/ml) befindet, dann hast du die größten Chancen, dass die Optimierung dieses Wertes sich auch positiv auf die Parodontitis Therapie auswirkt. Was nicht heißt, dass eine Wertoptimierung von 30 ng/ml auf bspw. 50 ng/ml keinen Effekt haben kann. Aber für das erste haben wir bereits Beweise, für das zweite leider nicht. Hier stützen sich die Empfehlungen ausschließlich auf Erfahrungen von Kolleg:innen von dir, die schon seit vielen Jahren mit Vitamin D in der Parodontitis Therapie arbeiten.
Für die Recherche meines Buches und meines Onlinekurs habe ich alle wissenschaftlichen Datenbanken nach allen Studien zu Vitamin D in der Parodontologie und Implantologie durchforstest und gelesen. In sehr vielen Studien las ich am Ende so etwas wie: „Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Vitamin D bei einer Parodontitis eine einfache, sichere und kostengünstige therapeutische Strategie zur Behandlung von Parodontitis sein könnte“. Also selbst mit dem Wissen, dass ein Zusammenhang (Korrelation) nicht gleichzusetzen ist mit einer ursächlichen Beziehung (Kausalität) – warum Patienten etwas vorenthalten, was helfen kann? Wenn du nicht weißt, wie du das machen sollst, dann scrolle jetzt weiter runter und suche dir die Variante aus, mit der ich dir bei Vitamin D in der Parodontologie am besten helfen kann.